Vorbereitungen

Erste Kontaktaufnahmen Winterende – Jetzt gehts los! Zumindest mit der ersten Kontaktaufnahme vor Ort auf unserem Boot. Das erste Mal bei Sonnenschein und Plusgraden an Bord und unsere theoretischen Ideen vor Ort auf praktische Passung sichten. Auf dem heimischen Sofa häuften sich die Gesprächsenden in der Form, dass wir abwarten müssen, um dann gemeinsam und mit Messgerät vor Ort zu planen. Und nun saßen wir das erste Mal in unserem Boot, nach wie vor mit traumhaftem Blick vom Trailer in die noch winterliche Marschlandschaft. Was bleibt, was muss raus, was muss anders, was muss neu? Mit diesen simplen Leitfragen inspizierten wir das Boot und durch das lange Warten auf dem Sofa waren wir kreativ gut vorbereitet. Für den eigenen Stallmief natürlich erst mal neue Polster, Stoffe und Vorhänge. Also mal leicht angefangen und die Fenster vermessen. Hört sich flott gemacht an, aber bei einem Schiff Marke Eigenbau hat jedes Fenster gern ein individuelles Maß und am Ende kamen wir auf 23 Fenster. (Einen Landfreund brachte das zu der ernsten Frage, ob das Boot bei so vielen Fenstern denn überhaupt stabil sei ?) So gibt es also bald eine Nähmaschine und es wird maßgeschneidert, dabei komme ich dem Boot schnitt- und stichweise näher. Nach einigen Überlegungen zur Befestigung und dem wichtigen Wunsch, dass die Vorhänge nicht mitschaukeln bei jeder Bewegung, kamen wir auf die super Idee das Stahlschiff einfachst zu nutzen und die Vorhänge alle als variabel verschiebbare Raff-Varianten an jedem Fenster mit Magneten anzubringen. Die Magneten werden an allen Ecken direkt eingenäht und an gewünschten Raffpositionen noch extra dazu. So kann der Sicht- oder Sonnenschutz ideal den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Einnähbare Magnete haben wir bei www.supermagnete.de gekauft. Inzwischen haben wir die Vorhänge auch schon mit den Magneten gewaschen und sind nach wie vor sehr zufrieden und empfehlen diese Lösung gern weiter.

Besichtigt, gekauft und nun also ausstatten. Zumindest mal rudimentär für die erste Überführung von Uetersen nach Großenbrode. 220 km sagt das Seenavi. Ich sitze mal wieder im Allgäu, es ist Anfang April und als Norddeutsche dachte ich, ich erlebe einen Hauch von Winter. Schließlich bin ich in die Berge gefahren. Stattdessen gehören Flipflops und kurze Hosen zur passenden Wetterkleidung. Währenddessen ist zu Hause die Schneeschaufel fleißig im Einsatz.
Diesmal durchstöbere ich das Netz, auf der Suche nach Bootsausstattungen. Weniger auf den Yachtportalen, sondern viel mehr auf Pinterest und Co. Erstausstattung Bordküche, Ideen für Stoffe und generell die Frage welchen Sichtschutz und Sonnenschutz brauchen die zahlreichen Fenster. Chemieklo versus Trockentoilette. Tolle Blogs zu speziellen Ausstattungen. Nachhaltigkeit: Windrad, Photovoltaik und eben Trockenklo statt Chemiemüll. Neue Welten tun sich auf und alte treffe ich wieder. Zu Studentenzeiten bin ich monatelang mit einem selbst ausgebautem Hanomag durchs südlich Europa und die Türkei gefahren. Irgendwie ein bisschen wie ‘back to the roots’ (da sind sie schon wieder die Wurzeln…auf See?).
Unser Haushalt ist einfach bestückt. Das soll heißen, drei Kinder haben in den letzten 10 Jahren ihren Hausstand gegründet und da wird man jeden überflüssigen Topf und Teller los. Trotzdem flöhen wir noch mal alles durch und es ist unglaublich was für praktische Dinge wir zu Tage befördern. Magnetische LED-Wandlampen, Stirnlampen, getwistete Campingwäscheleinen, Klopapierhalter, Türgriffe, Haken, Espressokanne für den Gasherd, etc.
Olaf wirbelt währenddessen an Bord. Endlich. Ich bekomme Fotos von neuen Einbauten. Elektrowandler und Lademanagementstationen finden ihren Platz. Regale die wir zu zweit nicht brauchen fliegen raus und ein toller neuer Sitz- und Arbeitsplatz mit Stauraum entsteht.
Zu Hause angekommen gleichen wir den Stand der to-do’s ab und legen eine Wunderlist an. Praktische App um gemeinsam Listen zu führen, wenn man unterwegs ist. Hat einer etwas erledigt, hakt er es digital ab und der andere sieht sofort den aktuellen Stand der Dinge die immer noch zu tun sind. Auch sehr praktisch für die Lebensmittelliste oder Bekleidung (welche Jacke und Pullover war noch mal an Bord..?), so muss man nicht jedesmal wenn man los fährt von vorne überlegen was man braucht. An Bord kann Fehlendes direkt hinzugefügt oder wieder aktiviert werden. Alles für jeden an einer Stelle und ohne Einkaufszettel an Bord zu vergessen.
Die häusliche Sammelecke für alles was mit soll wächst und die leicht aufgeregte Vorfreude auch. Beim Einschlafen bedrohlicher und weggeatmet, am Tag freudig. In wenigen Tagen geht es los, uiuiui.

Das Boot, der Winter und ein Name

Wir haben jetzt also einen Stahlverdränger, was ganz was Feines, Marke Eigenbau.
Gekauft an einem frostigen Tag ruhte das Boot auf einem Trailerungetüm in der norddeutschen Marsch und ich fand das alles sehr abstrakt und wusste doch, realer wird es nicht. Nachdem das Boot über eine wackelige Leiter erklommen war, eröffnete sich ein Raumwunder und ich versuchte außerhalb meiner Komfortzone meine ersten zarten Visionen zu entwickeln, wie wir hier an Bord leben könnten. Der Außenbereich, oder nennen wir es mal seefraulich Deck, machte es mir leicht. Es gibt vier großzügige Ebenen und ich dachte sofort: Klasse, hier können ja gleich mehrere Menschen zusammen ihre Yogamatten ausrollen und ganz andere Dinge machen, als sich mit Schiffsmotor und Navigation zu beschäftigen. Dieses Kapitel findet in der Vision meines Mannes sicher nicht statt, zumindest nicht seine Teilnahme daran, sondern nur die Vorstellung, dass das toll für meine Wünsche ist. Nun ja, ich bin ehrlich: auch wenn er sich bisher erfolgreich gegen gemeinsames Yoga sträubt, bin ich absolut durchlässig für jedes ‘Nein’ seinerseits und denke mir, wenn ich nun bereitwillig mit in See steche, wirst du mit mir den morgendlichen Sonnengruß an Deck praktizieren. Beziehungskompromisse sind auch nach 20 gemeinsamen Jahren immer wieder neu zu finden!?

Nachdem wir nun das mehr als widersprüchliche Startkapitel abgeschlossen haben, begann der Winter. Unser Boot ruht weiter auf dem Trailer, ich auf dem Sofa und Olaf schwelgte in den sozialen Netzen der Binnenschiffer und belebte unsere Gespräche mit vielfältigen immer motivierenden Geschichten, um die Vorfreude auf unsere erste Bootssaison zu steigern.

Nun mag der ein oder andere denken: “Hey, es gibt wirklich Schlimmeres, als seine verfügbare Zeit mit seinem geliebten Menschen auf dem Boot zu verbringen!! Die Weite und Ruhe auf dem Meer und an der Küste zu genießen”. Ja, den Gedanken kann ich nachvollziehen, insbesondere, wenn es einen in seiner Freizeit ans Meer zieht. Aber: diesem Sehnsuchtswunsch sind wir vor fast 5 Jahren sehr spontan gefolgt, als wir für unser Umfeld sehr überraschend unsere schöne Wohnung in Hamburg St. Pauli aufgaben und an die Ostsee/ kurz vor Fehmarn aufs Dorf gezogen sind. Die Kinder waren alle aus dem Haus und wir dachten uns: drehen wir das Leben doch mal um und wohnen da, wo wir uns immer hin wünschen, wenn wir frei haben. Und nun leben wir 200 m vom Strand entfernt und der Weg zum Bäcker etc. führt am Strand entlang. Das kann ich nur empfehlen. Das Leben fühlt sich gut an so! Ich bin gern AM Meer und nicht ‘in’ oder ‘auf’ dem Meer.

In den langen Winterwochen sinnierten und philosophierten wir über die Gestaltung unseres Lebens mit Boot. Wie gesagt, wir brauchen keinen Camper und keinen Schrebergarten – und als solches habe ich Motorboote bisher eingruppiert. Also was machen wir daraus?

Die Namensfrage. Wie nennt man sein Boot? Der Vorbesitzer taufte das Boot auf seinen Spitznamen “Scholle”, so dass eine Neubenennung nahe liegt. Außerdem esse ich nix mit Augen oder Schale aus dem Meer und Scholle erinnert mich an panierte Grätenhaufen in touristischen Fischbratküchen. Also, ein neuer Name muss her.

Schaut man sich um, finden sich zahlreiche Palomas, Annegrets und Reginas auf dem Wasser. Irgendwie nicht unsere Welt. Das Boot als stolze Junggrosseltern nach der ersten Enkelin zu benennen fanden wir auch nicht passend.
Also überlegten wir – was das Boot für uns ist, was es erfüllen soll und was unsere Schnittmenge der Ideen ist. Mit unserem Umzug an die Ostsee arbeiten wir daran unsere bezahlte Arbeit immer flexibler und dezentraler zu organisieren. Dies erweitert sich nun um den mobilen Standort Boot. Wir sind der Fixpunkt unserer Arbeit und nicht die Arbeit legt ausschließlich fest, wann wir wo zu arbeiten haben. Die Mobilität des Bootes und die digitalen Freiheiten fingen an sich zu verweben und neue Ideen entstehen. Und auf einmal war es klar: unser Boot ist unser ANKERPLATZ.

Egal wo wir sind, wir haben unseren Lebensmittelpunkt dabei. Unterwegs sein und trotzdem präsent sein. Offen für Neues und Beständigkeit nutzen. Beweglich sein und trotzdem verwurzelt.

Wie sich das mit dem Verwurzeln auf dem Wasser verwirklichen lässt, mal abwarten. Im Augenblick fallen mir dazu nur im Wasser schwimmende Baumreste/Treibholz ein. Also doch besser verankert.

Wie alles begann

Eigentlich dachte ich die Geschichte endet hier, ich bleibe an Land und das Thema ist erledigt. Als ich an einem wunderbar sonnigem Tag mit meinem Liebsten auf dem Ostseedeich entlang radelte. Wie so oft und immer öfter ergoss sich den ganzen Nachmittag, zum wiederholten Mal die begeisterte Vision meines Mannes über mich, wie unglaublich bereichernd und erstrebenswert es sei, wenn wir ein Boot hätten. Alle meine Gegenargumente schienen bei meinem Gegenüber zu verpuffen und meine jahrzehntelange Mitfahrerin-Erfahrung, auf unterschiedlichsten Schiffen, waren natürlich nicht zu vergleichen mit dem was JETZT vor uns liegen würde.

Ich bin ein norddeutsches Kind, habe also vielfältige Erfahrungen wie man auf Helgolandfahrten, Hochseeangelausflügen oder auch auf Booten in internationalen Gewässern am geschicktesten mit dem Wind reihert und sich am besten in der Mitte des Bootes flach auf den Boden legt und abwartet, bis wieder Land in Sicht ist. So beendete ich diese grandiose Vision mit einem längerem, lauten und monotonem: “Nein, nein, nein, nein ….!”, den Deich entlang radelnd, da ich nicht wusste, welchen Teil von ‘Nein’ mein Mann nicht verstanden hatte.

Ich dachte damit sei das nun endlich erledigt und fuhr zu unseren Kindern ins Allgäu. Ich wähnte mich sicher auf den Almen – weit gefehlt. Dort erreichten mich schon bald per WhatsApp erneut Bilder von tollen und einmaligen Gelegenheiten Motorboote zu erwerben. Gekrönt von kleinen Videos mit schnurrenden Schiffsmotoren. 

Und statt dem erhofften Ende der Geschichte beginnt hier nun ein neuer Lebensabschnitt. Frei nach dem Motto: ‘Leben ist das was passiert, während du andere Pläne machst’, nehme ich die Herausforderung an, versuche einen Erfahrungsreset und bin gespannt auf das begonnene Experiment.