Wir verließen Travemünde am strahlenden Pfingstsonntagmorgen, das Wetter war ein Traum und nach der gestrigen geruhsamen Travefahrt hatten wir wohl einen Blick auf den weiteren Verlauf des Tageswetters unterlassen. Noch spielte das keine Rolle. Travemünde vom Wasser aus ist wie Bilderbuch anschauen. Diverse Bootsgrößen fuhren mit uns und um uns herum und nach dem Passieren der Passat öffnet sich die Ostsee. Endlich, der Heimathafen ruft und wir sind bester Laune für diesen Sonntagstrip.

Das erste Mal allein mit dem Boot auf der Ostsee vermittelt einem selbstredend wie klein man mit seinem Boot doch ist. Und da wir noch in der Fahrrinne der Fähren waren wird das noch deutlicher, wenn einem solch eine direkt entgegenkommt. Als Neuling einfach sehr beeindruckende Begegnungen, wenn man selbst zu verantworten hat, dass es zu keiner Kollision kommt.

Wir verließen gern die Fahrrinne und nun das erste Mal einfach quer durchs Meer, in respektvollem Abstand zum Brodtener Ufer das vorgelagert große Steinfelder auf der Seekarte verzeichnet hat. Auf die Markierungen ‚Munition/unreiner Grund‘ gehe ich vielleicht mal an anderer Stelle ein, im Augenblick ist es schon ohne solche Hinweise spannend. Wir steuern aus der Lübecker Bucht mit groben Kurs auf Neustadt und die Neustädter Bucht zu und mit einem Mal frischt der Wind von West auf, der Seegang legt zu und unser bisher souverän im Wasser gelegenes Boot fängt erheblich an zu rollen und zu krängen. Der Übergang kam abrupt und von eben noch „hach isses nicht schön“ zu „alder, ich rutsch hier gleich von Bord oder vorher kippt das Boot um“. Kaffeeservice und ähnliches Gedöns mal schnell in Sicherheit gebracht und uns selber auch gern ein Stockwerk tiefer an den Innensteuerstand. Das fühlt sich etwas besser an, eine Etage tiefer.

Und dann merkte ich schon meinen fatalen Fehler. Das ruhige Wetter am Morgen hatte mich vergessen lassen, meine Nursea-Bändchen anzulegen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich unter anderem kein Boot haben wollte, weil ich absolut nicht seefest bin? Keine Helgolandfahrt als Kind ohne Fischefüttern über die Reling… Und jetzt hatte es mich voll erwischt. Wer es kennt weiß, da hilft nur eins: wieder Land unter die Füße. Das war zwar in Sicht, aber bei dem Seegang in weiter Ferne. Ich spulte mein in solchen Situationen erprobtes Programm durch: Beim Reisebegleiter als seekrank abmelden, Bändchen anziehen und einen Liegeplatz auf der Längsachse des Schiffes erdnah oder besser direkt auf dem Deck einnehmen. Hier gefühlt mit Saugnäpfen angedockt liegen bleiben und warten bis das Elend nachlässt. Ach ja, und unbedingt Sonnenschutz in irgendeiner Form anlegen. Ich bin dann mal weg und will von dem Horror eh nichts mehr mitbekommen. Schnell sterben oder irgendwann hören wir sind im Hafen, andere Optionen interessieren nicht mehr. Das einzig Positive an dem Zustand ist vielleicht, dass man selbst für Angst kein Empfinden mehr hat.

Der Seegang dauerte an und wurde nicht weniger. Olaf kämpfte uns durch die Neustädter Bucht, die eigentlich nicht so groß aussieht, aber trotzdem kein Ende nahm. Da wir nach wie vor auf der Erst-Überführung waren, und unser Schiff innen noch nicht fertig überholt war, zeigte sich bald. Die Kühlschränke knallten aus ihren Einbauschränken, der große Tisch kippte mit Getöse um und sonstiges Kleinzeug flog und knallte von links nach rechts und sonst wohin. Es war ein kleiner Albtraum. Zumindest für uns. Die zahlreichen Segler um uns herum glitten sportlichst durch die Wellen und freuten sich wohl überwiegend über das ideale Segelwetter.

Sehr langsam näherten wir uns unserem Ziel Grömitz, der Neustädter Hafen wäre bei der Wetterlage nicht wirklich näher gewesen. Um einigermaßen in den Hafen einfahren zu können, mussten wir noch etwas an Höhe gewinnen um dann mit der Welle Richtung Küste und Hafeneinfahrt zu gelangen. Das bedeutete leider, dass wir mitten durch ein Regattafeld aus Surfern und Optimisten mussten. Wie gesagt, es war Pfingsten und viel los. Inzwischen war es später Nachmittag und so strömten dazu noch viele andere Rückkehrer auf den Grömitzer Hafen zu, Rush-Hour quasi. Mir ging es etwas besser, was bedeutet nicht mehr hundeelend.
Mitten im Regattafeld erreichte mich dann die Hiobsbotschaft meines Kapitäns: Die Steuerung reagiert nicht mehr. Man ist versucht das zunächst als Scherzeinlage abtun zu wollen, aber die Gesamtsituation seit Stunden an Bord verbietet diese Art von Scherzen. Unsere Steuerung ist ausgefallen. Nun wird unser Boot vollends zum Spielball der Wellen und wird von einem Wellenkamm ins nächste Wellental geschubst oder doch besser: geworfen. Meine Contenance möchte sich in Luft auflösen, aber auch das ist gerade unpassend. Ich werde ans Steuer zitiert und Olaf verschwindet kopfüber achtern unterm Fußboden. Meine Position kommt mir eher sinnlos vor, aber so habe ich zumindest was zum Festhalten. Ansonsten fühlt es sich an wie an einem Spielautomat in den man noch kein Geld eingeworfen hat. Ich fühlte mich allein. Sehr allein. Um mich herum die ahnungslosen Regattateilnehmer und Hafenrückkehrer, mein Kapitän nicht zu sehen und hören konnte man bei all dem Getöse sowieso nichts Konkretes. Meine Gedanken haben sich irgendwo festgefahren zwischen: Ich will das nicht/ Das mache ich nie wieder/ Ich habe es doch gesagt, ich will das nicht. Zumindest war mir nicht mehr übel. Aber freuen konnte ich mich darüber gerade auch nicht.

Irgendwann tauchte Olaf wieder auf: “Und?“ Ich wusste nichts, spürte nichts, außer das das Schiff erstaunlicherweise immer noch nicht untergegangen war und alle anderen Verkehrsteilnehmer nicht mit uns kollidiert waren. Olaf übernahm das Steuerrad und brachte uns sicher in den Hafen. Ich war zum dritten Mal auf der Tour am Ende meiner Adrenalinreserven angekommen und assistierte stoisch auf Anweisung. Zum Glück tat sich vor uns ein Längsliegerplatz direkt am Kopf auf. Anfahren, anlegen, festmachen, Motor aus. Atmen. Land unter den Füßen.

 

 Pfingstsonntägliche Hafenatmosphäre bei durchbrechendem Sonnenschein tauchte den frühen Abend in ein mildes Licht. Schweigend rückten wir die umhergeflogenen „Ein“bauten wieder an ihre angestammten Plätze, setzten einen Kaffee auf und kamen an. Kopfschütteln, grinsen, Seekrankheit vorbei. Erster Austausch und Annäherung zum gerade Erlebten. Das Boot fordert uns echt was ab und schubst uns mehr als geahnt aus jeglicher Form der Komfortzone!

So saßen wir den Frieden genießend, den Kaffee mit Keks umklammernd in der Sitzecke und schauten in die Gegend. Ein kleines Mädchen rannte den Steg entlang, winkte Bekannten zu, die den Hafen mit dem Boot verließen. Und sie lief und winkte und lief und sie wird doch wohl sehen, dass vor unserem Bug der Steg zu Ende ist?!! Nein, sie sah es nicht und platschte direkt vor unseren Augen und unserem Bug vom Steg ins Wasser. Gerade wieder reaktionsfähig geworden, stürzten wir raus und schafften es mit Akrobatik vom Schiff und Steg aus sie mit vereinten Kräften wieder triefend hoch zu hiefen. Die Kommentare des heranschlurfenden Vaters kommentiere ich hier nicht weiter. Ich hatte echt genug für heute und zum Glück für den Mann keine Konfrontationsreserven.