März 2020 – alles ist anders.

Das Corona-Virus rückt näher und zeigt der Welt wie globalisiert und vernetzt wir ganz real sind. Was eben noch weit weg und für die Heimat kaum vorstellbar war, ist Realität geworden. Das Leben auf der Welt ist weitestgehend zum Stillstand gekommen, bis auf die systemrelevanten Bereiche.

Stornierte Aufträge verschafften uns schon früh unerwartete Zeit und Anfang März dachten wir noch, wir könnten unser Boot, das fast vor der Haustür liegt, besuchen und daran basteln. Tja, was wir alle vor kurzem noch so dachten. Wir sind nicht für individuelle Befindlichkeiten, sondern brauchen kollektives Verhalten zum Besten Aller. So sind wir wie alle zu Hause. Nun haben wir endlich mal unsere Website fertiggestellt, auf das sie bald weiter wachsen kann mit neuen Erlebnissen und Bildern im (B)Logbuch.

Winter 2020

Der Winter war noch milder als in den Vorjahren und so haben wir unser Boot auf seinem Winterliegeplatz gern besucht und einfach den Blick in die Natur genossen. Vorher einen schönen Strandspaziergang oder Olaf auch gern mal mit dem Kite eine Runde aufs Wasser und ich mit dem Fotoapparat durch den Sand gegen den Wind gestapft. So oder so setzen wir uns anschließend gern ins Boot und genießen den rundum Panoramablick auf den Binnensee. Selbst solch ein Nachmittag mit nur ein paar Stunden seichtem Geschaukel und Löcher in die Gegend gucken macht gleich etwas mit uns. Eine Ruhe breitet sich aus und obwohl man fest verzurrt am Steg liegt entsteht schnell ein positiver Abstand zu den alltäglichen Dingen.

Wir sinnieren über mögliche Touren in diesem Jahr und vermessen ganz konkret Innenausbauten, die in 2019 nicht vollendet wurden. Das Badezimmer ist noch im Rohbau stecken geblieben, die Vorratskammer für die Küche soll fertig werden und im Motorraum und Technikkeller gibt es sowieso immer noch genug Bastelstoff bei unserem alten Boot. Einfach mal wieder anfangen war unser Plan und so verließen wir mit Liste für den Baumarkt das Boot, um beim nächsten Besuch loszulegen.

Letzte Ausfahrt: Orth

Der Jahreslauf sagt: die Saison ist eigentlich schon zu Ende.
Der Kalender sagt: hey, in Norddeutschland gibt es einen neuen Feiertag.
Das Wetter sagt: kommt raus aufs Meer!
Los geht’s!

Nachdem wir im Herbst mit dem Boot für einige Wochen in der Werft auf dem trockenen lagen freuen wir uns sehr über ein unerwartetes langes Wochenende mit strahlendem Wetter. Ende Oktober sind die umliegenden Häfen fast vollständig leergekrahnt und so haben wir die Ostsee fast für uns. Das Wetter ist bombastisch. Wir treffen uns nach der Arbeit direkt am Boot und legen am frühen Nachmittag ab. Unser Ziel ist der kleine Ort Orth auf Fehmarn. Wir kennen den malerischen Hafen von Landausflügen, haben ihn bisher aber mit dem Boot gemieden, da wir im Sommer oft dachten wir bekommen evtl. keinen Liegeplatz. Aber nun.

 

Unsere Abfahrtszeit gegen 15 Uhr eigentlich kein Problem bei einer gedachten Fahrtzeit von 2 Stunden, aber am 30. Oktober ist schon um 16.40 Uhr Sonnenuntergang. Und so fuhren wir sehr bald in einen gefühlt nicht endenden Sundowner. Ostsee in Flammen als Privatvorstellung. Laute Lieblingsmusik an Deck, Heißgetränke griffbereit und gut eingemummelt fotografierten wir uns der Sonne entgegen.

Die Ansteuerung von Orth zieht sich hin, auch wenn Fehmarn selbst von Anfang an zum Greifen nah vor uns liegt. Die Sonne sinkt und sinkt. Da unsere elektronische Navigationsausstattung noch reichlich Luft nach oben hat, bin ich in diesen Situationen auch schneller mal unruhig. Hin und her gerissen zwischen der malerischen Abendstimmung und der Sorge orientierungslos auf der Ostsee zu sein oder einfach im Stehrevier der Bucht auf Grund zu laufen. Das ist theoretisch übertrieben, fühlt sich für mich aber doch schnell so an. Seekarten und Leuchtturmangaben hin oder her. Das Durchfahren der grün/roten Hafentonnen gibt mir gleich ein heimatliches Gefühl.

 

Wir laufen durch die langgezogenen Hafenmolen ein und gleiten an die freien Längslieger an steuerbord. An der Hafenkante stehen vereinzelte Grüppchen und bewundern ebenfalls das Naturschauspiel, das sich am Horizont bietet. Orange-hour, hoch aufs Deck und danach die Beine vertreten durch den kleinen Hafen mit seinen verträumten kleinen Ecken. Ansonsten ist der Hafen mehr als up-to-date. Das Einchecken am Automaten und Guthabenkarte super einfach und komfortabel bis hin zu müllfrei, da ohne Thermobelege oder anderem Gedöns, das bei Wind gern fliegen geht. Am Ende gibt man seine Karte einfach wieder im Automaten ab und fertig. Obendrauf gibt es aber auch noch einen realen und sehr sympathischen Hafenmeister.

Als es dunkel ist und wir gut gegessen haben, überfällt uns eine bleierne Müdigkeit. Gefühlt mindestens 22 Uhr, aber ist gerade mal 18 Uhr. Das sommerliche Zeiterleben an Bord ist noch nicht passend zu den kurzen Wintertagen. Ein bisschen bleiben wir noch wach, aber dann – so früh waren wir selten im Bett.

Die Rückfahrt wurde mal wieder grenzwertig. Ja, es war mehr Wind und damit Welle angesagt, aber das begann dann doch früher als gedacht und dafür auch heftiger. Wie immer steigt damit nicht nur der Seegang, sondern auch die Anspannung der Crew-Mitglieder. Olaf manövrierte uns durch und gegen die Wellen damit wir nicht zum vollendeten Spielball wurden und ich sehnte mich nach dem direktesten Weg. Inzwischen sind wir etwas erprobt für diesen Fall, wenig Kommunikation, reduziert auf das Nötigste hilft. Über Befindlichkeiten spricht es sich wieder Bestens bei ruhiger See oder spätestens mit dem ersten Heißgetränk, wenn wir fest vertäut am Steg liegen.

Nachdem wir den Fehmarnsund passiert hatten und mit scharf steuerbord hinter der Landabdeckung dem Westwind entkommen waren wurde es eine gemütliche Heimfahrt bei Sonnenschein. Schön.

 

 

Schön bis auf die Irritation, dass der Motor zwischendurch so an Kraft verlor, als wenn wir eine temporäre Gegenschwimmanlage am Bug hätten. Und dann auch wieder nicht. Wir realisierten das, versuchten es aber auch auszublenden, in der Hoffnung die letzte vertraute Heimatroute des Jahres ohne weitere Vorfälle abzuschließen.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber das tat sie. Zum Glück oder auch ärgerlicherweise direkt mit dem Verlassen der Hafeneinfahrt und dem Einlaufen in den Großenbroder Binnensee. Den Liegeplatz in Sicht und doch so fern. Wer die Ecke kennt, weiß wie schön sie ist und wie dicht der seichte Badestrand an backbord passiert wird, dafür warten an steuerbord die verrosteten Metallstreben der Betonmole aus Kriegszeiten. Dazwischen wir, von jetzt auf gleich ohne Motorkraft. Schluss, aus, ende. Ich blieb oben am Steuer, mal wieder mit dem Gefühl: Was kann ich hier schon ausrichten? Aber zumindest mit dem Rundumblick, ob die Hindernisse oder andere Verkehrsteilnehmer näher kommen. Unser Glück war eine absolute Windstille, wir lagen einfach still wie der See als Ganzes. Olaf verschwand auf der Badeplattform und mühte sich mit dem Außenborder. Ein verlässlicher Kerl, den wir auch immer wieder testweise anschmeißen. Zum einen weiß man ja nie und wir wissen wie sehr er uns schon einmal gerettet hat. Aber diesmal.. die beiden Motoren hatten sich abgesprochen. Totaler Feiertagmodus, nix geht mehr. Bis auf mein Handy, dass auf einmal klingelt und unsere Hafennachbarn die bei Kaffee und Kuchen bei der Hafenmeisterin saßen, mit bestem Seeblick und uns quer in der Einfahrt längst im Blick hatten. Kurzer Schnack: Hilfe kommt. Ein gutes Gefühl. Der Seenotrettungskreuzer ‚Bremen‘ der ebenfalls vis-à-vis zu uns liegt machte sich ebenfalls mit kleiner Ausstattung auf zu uns. Wir nahmen die Leinen vom Hafenmeister und der zog uns bis auf unseren Winterliegeplatz. Wir wurden wie immer bei solch einer Havarie von allen Anwesenden mit Freude und Humor am Steg empfangen und parkten ein. Saisonende 2019.

Sommer 2019

Der Sommer 2019 war von viel mehr Landgängen gezeichnet als geplant und so kamen unsere Bootszeiten viel zu kurz. Ausfahrten in die Umgebung. Kaffeefahrten mit Freunden, oder besser Fischbrötchenfahrten nach Fehmarn mit Besuch aus dem Inland. Tagesausflüge vor die Küste, Anker geworfen und das seichte Schaukeln bis zum Sonnenuntergang genossen. Sehr viel weiter sind wir diese Saison nicht gekommen, und trotzdem war es wieder einfach schön. Jeder Tag an Bord gleitet sofort in ein Urlaubsgefühl.
Wenn wir Zeit hatten, passte das Wetter öfter nicht und so verbrachten wir auch manche Nacht an Bord an unserem angestammten Liegeplatz. Äußerster Platz im Hafen mit Blick über den See auf das gegenüberliegende Ufer. Immer ein paar Möwen, Blässhühner und Kormorane um uns herum. Sonnenuntergang inklusive. Entschleunigung leicht gemacht.

Im Hafen von Burg das Bilderbuchtreiben beobachten kann einen auch beschäftigen. Da werden vor lauter Entspannung sogar die Fotos unscharf.

Gefühlt ein herrliches Ende der Welt. Jeden Abend wieder.

Nie wieder seekrank!

Meine ursprüngliche Ablehnung gegenüber dem Abenteuer ein eigenes Boot zu haben lag tief verwurzelt in meinen ungezählten Erlebnissen der Seekrankheit. Jeder der es kennt weiß wie man dem ausgesetzt ist und es kein Ende des Elends gibt. Erst wenn man wieder Land unter den Füßen hat löst sich die Übelkeit in den meisten Fällen (nach einiger Zeit) wieder auf. Bis dahin aber ist einem einfach zwischen elendig und speiübel, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten reduzieren sich auf ein Minimum. Genau noch das Minimum, das einen hoffen lässt, dass es wieder aufhören wird. Sehr viel mehr geht nicht.

Medikamente von Keule bis Homöopathie, Tee, mentales Training … viel was der Markt gegen Reiseübelkeit anbietet, aber so richtig zuverlässig helfen tut kaum etwas.

Und dann kam meine Erlösung und die hat auch schon vielen anderen geholfen, die nun ebenfalls darauf schwören. Also merkt euch diesen Tipp und empfehlt ihn allen weiter, die damit zu tun haben. Auch Übelkeit beim Autofahren etc. gehören ab sofort der Vergangenheit an.

Unter dem Suchwort „Sea-Band“ findet man bei Amazon (und natürlich auch diversen anderen) Akupressurarmbänder für ca. 10-15 € das Paar. Die Stretch-Armbänder haben eine kleine Halbkugel auf der Innenseite, die auf den Akupressurpunkt positioniert wird. Der Punkt befindet sich auf der Unterarminnenseite, drei Fingerbreit oberhalb der Handgelenksfalte, mittig zwischen den sichtbaren Sehnen. Für Fachleute ist es der: P6, Nei-Kuan-Punkt. Für mich schlicht die fühlbare Entspannung bei allen Bewegungen, die Schwindel auslösen können. Die Bänder müssen beidseitig, also als Paar getragen werden und sind idealerweise vor Reiseantritt angelegt. Ist einem erst mal übel geworden und man legt sie dann an, dauert es länger bis die Wirkung zu spüren ist.

Für mich gilt mit dem Ablegen im Hafen: Rettungsweste und Sea-Bands anlegen. Sie können auch tagelang und über Nacht getragen werden.

Es gibt sie auch in Kindergrößen für kleine Menschen, denen schon bei jeder Autofahrt schnell übel wird. Auch bei Schwangerschaftsübelkeit habe ich schon positive Wirkung erzählt bekommen. Bei kräftigeren Handgelenken auf eine nicht einschnürende Größe achten oder sich alternativ aus Klettarmbändern selbst welche basteln.
Also ab damit ins Ablagefach im Auto oder auch als Extra für Gäste an Bord, falls der Seegang unerwartet zunimmt.

Wir hatten die Pocken an Bord

Überraschend erfolglose Werftsuche
Im Sommer nutzten wir die Gelegenheit bei den unterschiedlichsten Werften mit unserem Boot vorzufahren und anzufragen, ob es möglich wäre im Herbst dort die Seepocken entfernen zu lassen und das Boot dann mit neuem Lack und diesmal mit (!) Antifouling zu streichen.
Wir waren schon sehr erstaunt wie es sich mit der Resonanz verhielt. Unsere einfache Idee einen Kostenvoranschlag zu erhalten erwies sich als ein mehr als schwieriges Unterfangen. Wöchentliche Telefonate und/oder versuchte Telefonate brachten wenig Ergebnis. Der erste KVA kam nach ca. 6 Wochen von einer Werft. Ich glaube wir haben vier Werften ganz konkret angefragt. Dafür war die Summe dann auch fünfstellig und nach oben offen ins Ungewisse.
Zudem waren die Werften nicht gerade klar in den Aussagen wie die Pockentfernung und Aufarbeitung vorzunehmen sei. Wir waren da sehr erstaunt, da es ja kein seltenes Thema ist. Es sei denn man hat kein Antifouling?
(… wir waren etwas gewarnt, denn Hafennachbarn erlebten in einer dieser Werften im Sommer ein finanzielles Fiasko, sie wollten nur ein mitgebrachtes Teil tauschen.
Gedacht: Krahnen – eine Stunde Teil auswechseln – krahnen… fertig.
Realität: Von der Werft nicht wieder ins Wasser gelassen, wochenlange Werftarbeit und eine ernsthafte fünfstellige Rechnung…)

Wie dem auch sei. Bei allen Überlegungen und Forschungen zum Thema Seepocken-Entfernung wuchs der Entschluss: das machen wir selber. Und so nahmen wir Kontakt auf zur Lübecker Werft bei der wir schon mit unserem Motorschaden gute Erfahrungen gemacht haben.

Ideen und Planung der Pockenentfernung in Eigenregie
Seepocken zu bekommen ist ein Leichtes, sie loszuwerden scheinbar eine Wissenschaft für sich.
Die Gespräche und Recherchen zu dem Thema waren umfangreich, aber die plug-and-play-Version war nicht so einfach zu finden.
So schwankten wir zwischen Sandstrahlen und Eisstrahlen… was brauchen wir dafür?… Was kostet der Quarzsand? Wohin mit dem verdreckten Quarzsand oder Wasser? Wahnsinnsentsorgungspreise im Gemisch mit Laboranalysen, um das Entsorgungsgut überhaupt finanziell bewerten zu können. Wer viel fragt, bekommt viele Antworten und wie man es so kennt in Deutschland, die Vorschriften werden nicht weniger, je mehr man forscht. Auch die Kosten waren nach wie vor im Bereich von mehreren Tausend Euro für das Ausleihen von Sand- oder Eisstrahlgeräten, den Transport, die Werkstoffe, Planen und und und…

Der Werftbesuch
Ende September war es so weit. Wir hatten einen Slot auf dem Werftgelände kurz bevor die Boote alle raus mussten und einen Trailer den wir leihen konnten bevor er als Winterplatz gebucht war. Zwei Wochen waren der Plan, neben den Seepocken wollten wir ja eigentlich noch ein paar andere Dinge erledigen die auf der ‚kann-Liste‘ stehen.

Bei sommerlichen Temperaturen erreichten wir Lübeck und krahnten das Boot am späten Nachmittag. Unsere Erwartung auf den Anblick der Seepockenkolonie wurde noch mal übertroffen. Es war ein einziger runder Panzer der aus dem Wasser auftauchte, beeindruckend.

Die wortkargen Männer am Krahn gaben den unauffälligen Tipp es doch einfach mal mit den Spachteln zu versuchen. Nach Wochen des Planens kompliziertester Entfernungsszenarien passierte das völlig unerwartete. Die noch nasse, mehrere Zentimeter dicke Schicht aus übereinander hockenden Seepocken ließ sich abstreifen wie ich weiß nicht was. Der einzige Vergleich ist die Vorwerkteppichkehrmaschinenwerbung aus den 70ern, in der das Gerät über den unglaublich dreckigen Teppich fuhr und eine eindeutig saubere Bahn auf dem Untergrund hinterließ – perfekt!

Wir hatten den Trailer auf einer strahlend weißen 200qm-Plane abgestellt und legten zu dritt los. Nach einer Stunde war es soweit: Wir standen verdreckt und glücklich in einem stinkenden Haufen zerstörter Seepocken und sahen zutiefst zufrieden auf den kahlen abgekratzten Bootsrumpf.
(Die Überlegungen zu unserem Karma-Konto nach dem Massaker vertagten wir.)

Wir konnten unser Glück gar nicht fassen, es war einfach erledigt. Nach allen Recherchen und Gesprächen, die Variante hatte keiner zu berichten. Wie dem auch sei, wir stornierten alle Gerätschaften und freuten uns über das so leicht gesparte Geld.
So könnte es weiter gehen mit dem Gewerkel!

Blinde Passagiere

Beim Start in den traumhaften Sommer 2018 dachten wir natürlich, wir kommen weit herum mit unserem Boot. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht gekommen. Zumindest was die Entfernung betrifft. Das Abenteuergefühl kam mindestens einer kleinen Weltmeerquerung gleich, die Lernkurve war angemessen hoch und riss nicht ab.
Innerhalb der Lernkurve lernten wir auch viel über Seepocken und so kutschierten wir einen Teil der Population in 2018 gelassen durch die Ostsee und kamen dadurch noch mit guten 4-6 Knoten voran. Wasserwandern nennt man das wohl. Hatte unser Vorbesitzer an irgendeiner Stelle erwähnt, dass er kein Antifouling gestrichen hatte? Haben wir es leichtfüßig als Greenhorn überhört? Wie dem auch sei, jetzt ist jetzt und wir hatten die Pocken an Bord.

Was interessant ist an der Seepocke:
Kurz gesagt hast du eine, bekommst du viele! Mit dem Eintreffen im Juni, im Heimathafen kurz vor Fehmarn, ging der Gruppensex unterhalb der Wasserlinie schnellstens los und stetig voran. Die Seepocke ist zwittrig veranlagt und hat in der Tierwelt das längste Fortpflanzungsorgan im Verhältnis zur eigenen Größe. So kann man sich also genügsam an die Bordwand saugen und von dort aus rundherum mit allen Kollegas fröhlich vor sich hin swingern. Wie schnell so ein Boot mit der ersten Schicht Seepocken bewachsen ist, war beeindruckend und die Vermehrung geht weiter. So hatten wir nach wenigen Wochen schon das Gefühl, oder besser: das reale Ergebnis, dass unser Boot wie eine kleine Schaumhummel durchs Wasser ging. Von gleiten, schneiden oder ähnlich klar trennenden Wörtern die den Zustand zwischen Wasserverdrängung und Bootsaußenwand beschreiben völlig entfernt.

Als Bootsneulinge und bei dem traumhaften Wetter in 2018 war das alles gelassen zu ertragen, lediglich die Überlegung wie wir die ungebetenen Mitreisenden wieder los werden, beschäftigte uns. Ein Werftbesuch für verschiedene Wunscharbeiten war eh geplant, dann eben auch mit kompletter Überarbeitung des Bootsrumpfes.

Ankerplatz die Überführung | Grömitz – Großenbrode

Nach dem gestrigen Tag wünschte ich mich nur noch nach Hause und zwar auf dem direktesten Weg. Inzwischen ist dieser Wunsch in einem dreistündigen Fußmarsch zu realisieren, alternativ könnte ich einen anderen Mitfahrer akquirieren, aber es siegt doch mein Crew-Gefühl und ich bleibe tapfer an Bord. Der Blick auf die Wetter-Apps sagt nichts Gutes. So wie gestern, nur noch mehr Ostwind. Also vor der Abfahrt gleich alle fliegenden Möbel umgelegt oder verkeilt und mutig drauf los. Heute ist es die letzte Etappe, wir haben doch schon so viel geschafft und durchgestanden, da runden wir das jetzt noch ab. Gegen Seekrankheit mit den Nursea-Bändern gewappnet und Leinen los.

Bis Dameshöved war es nach dem gestrigen Erlebnis noch alles im Rahmen. Nicht angenehm, aber aushaltbar. Mit dem passieren des Leuchtturms verlässt man die Lübecker Bucht, der Küstenverlauf geht stracks auf Nord/Süd und der Ostwind hatte uns voll im Griff. Olaf kämpfte sich im Zickzack gegen die Wellen, so dass wir nicht durchgehend vollends durchrollten, aber den Unterschied konnte ich kaum würdigen. Es dauerte ewig, war anstrengend und heute mangels ablenkender Seekrankheit auch wirklich beängstigend. Ir-gend-wann war es geschafft und wir erreichten den Großenbroder Binnensee. Keine Welle, kein Gerolle, sondern zielgerichtet durchs Wasser fahren. Das gibt es doch noch, ich hatte es schon nicht mehr geglaubt. Nun mussten wir nur noch unseren Liegeplatz finden. Dafür drehten wir noch eine krasse Ehrenpirouette vor dem Seenotrettungskreuzer. Unsere Orientierung hatte nach dem Durchschaukeln der vergangenen Stunden etwas gelitten.
Wir hatten es geschafft. 234 km für die erste Fahrt und lediglich Überführung des Schiffes. Mein sportlicher Kapitän hatte auf dem winterlichen Sofa noch so Ideen gehabt das mit einem dreitägigen Wochenendtrip zu erledigen. Bei optimalen Bedingungen und 12 Std. Fahrt am Tag vielleicht auch machbar, aber unsere erste Reise war eine echte Etappenreise mit unerwarteten emotionalen Hochs und Tiefs. Aber wie immer, wenn das Boot festgemacht, der Motor aus und die Rettungsweste abgelegt ist, breitet sich ganz langsam ein entspanntes Gefühl aus.

Ankerplatz die Überführung | Travemünde – Grömitz

Wir verließen Travemünde am strahlenden Pfingstsonntagmorgen, das Wetter war ein Traum und nach der gestrigen geruhsamen Travefahrt hatten wir wohl einen Blick auf den weiteren Verlauf des Tageswetters unterlassen. Noch spielte das keine Rolle. Travemünde vom Wasser aus ist wie Bilderbuch anschauen. Diverse Bootsgrößen fuhren mit uns und um uns herum und nach dem Passieren der Passat öffnet sich die Ostsee. Endlich, der Heimathafen ruft und wir sind bester Laune für diesen Sonntagstrip.

Das erste Mal allein mit dem Boot auf der Ostsee vermittelt einem selbstredend wie klein man mit seinem Boot doch ist. Und da wir noch in der Fahrrinne der Fähren waren wird das noch deutlicher, wenn einem solch eine direkt entgegenkommt. Als Neuling einfach sehr beeindruckende Begegnungen, wenn man selbst zu verantworten hat, dass es zu keiner Kollision kommt.

Wir verließen gern die Fahrrinne und nun das erste Mal einfach quer durchs Meer, in respektvollem Abstand zum Brodtener Ufer das vorgelagert große Steinfelder auf der Seekarte verzeichnet hat. Auf die Markierungen ‚Munition/unreiner Grund‘ gehe ich vielleicht mal an anderer Stelle ein, im Augenblick ist es schon ohne solche Hinweise spannend. Wir steuern aus der Lübecker Bucht mit groben Kurs auf Neustadt und die Neustädter Bucht zu und mit einem Mal frischt der Wind von West auf, der Seegang legt zu und unser bisher souverän im Wasser gelegenes Boot fängt erheblich an zu rollen und zu krängen. Der Übergang kam abrupt und von eben noch „hach isses nicht schön“ zu „alder, ich rutsch hier gleich von Bord oder vorher kippt das Boot um“. Kaffeeservice und ähnliches Gedöns mal schnell in Sicherheit gebracht und uns selber auch gern ein Stockwerk tiefer an den Innensteuerstand. Das fühlt sich etwas besser an, eine Etage tiefer.

Und dann merkte ich schon meinen fatalen Fehler. Das ruhige Wetter am Morgen hatte mich vergessen lassen, meine Nursea-Bändchen anzulegen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich unter anderem kein Boot haben wollte, weil ich absolut nicht seefest bin? Keine Helgolandfahrt als Kind ohne Fischefüttern über die Reling… Und jetzt hatte es mich voll erwischt. Wer es kennt weiß, da hilft nur eins: wieder Land unter die Füße. Das war zwar in Sicht, aber bei dem Seegang in weiter Ferne. Ich spulte mein in solchen Situationen erprobtes Programm durch: Beim Reisebegleiter als seekrank abmelden, Bändchen anziehen und einen Liegeplatz auf der Längsachse des Schiffes erdnah oder besser direkt auf dem Deck einnehmen. Hier gefühlt mit Saugnäpfen angedockt liegen bleiben und warten bis das Elend nachlässt. Ach ja, und unbedingt Sonnenschutz in irgendeiner Form anlegen. Ich bin dann mal weg und will von dem Horror eh nichts mehr mitbekommen. Schnell sterben oder irgendwann hören wir sind im Hafen, andere Optionen interessieren nicht mehr. Das einzig Positive an dem Zustand ist vielleicht, dass man selbst für Angst kein Empfinden mehr hat.

Der Seegang dauerte an und wurde nicht weniger. Olaf kämpfte uns durch die Neustädter Bucht, die eigentlich nicht so groß aussieht, aber trotzdem kein Ende nahm. Da wir nach wie vor auf der Erst-Überführung waren, und unser Schiff innen noch nicht fertig überholt war, zeigte sich bald. Die Kühlschränke knallten aus ihren Einbauschränken, der große Tisch kippte mit Getöse um und sonstiges Kleinzeug flog und knallte von links nach rechts und sonst wohin. Es war ein kleiner Albtraum. Zumindest für uns. Die zahlreichen Segler um uns herum glitten sportlichst durch die Wellen und freuten sich wohl überwiegend über das ideale Segelwetter.

Sehr langsam näherten wir uns unserem Ziel Grömitz, der Neustädter Hafen wäre bei der Wetterlage nicht wirklich näher gewesen. Um einigermaßen in den Hafen einfahren zu können, mussten wir noch etwas an Höhe gewinnen um dann mit der Welle Richtung Küste und Hafeneinfahrt zu gelangen. Das bedeutete leider, dass wir mitten durch ein Regattafeld aus Surfern und Optimisten mussten. Wie gesagt, es war Pfingsten und viel los. Inzwischen war es später Nachmittag und so strömten dazu noch viele andere Rückkehrer auf den Grömitzer Hafen zu, Rush-Hour quasi. Mir ging es etwas besser, was bedeutet nicht mehr hundeelend.
Mitten im Regattafeld erreichte mich dann die Hiobsbotschaft meines Kapitäns: Die Steuerung reagiert nicht mehr. Man ist versucht das zunächst als Scherzeinlage abtun zu wollen, aber die Gesamtsituation seit Stunden an Bord verbietet diese Art von Scherzen. Unsere Steuerung ist ausgefallen. Nun wird unser Boot vollends zum Spielball der Wellen und wird von einem Wellenkamm ins nächste Wellental geschubst oder doch besser: geworfen. Meine Contenance möchte sich in Luft auflösen, aber auch das ist gerade unpassend. Ich werde ans Steuer zitiert und Olaf verschwindet kopfüber achtern unterm Fußboden. Meine Position kommt mir eher sinnlos vor, aber so habe ich zumindest was zum Festhalten. Ansonsten fühlt es sich an wie an einem Spielautomat in den man noch kein Geld eingeworfen hat. Ich fühlte mich allein. Sehr allein. Um mich herum die ahnungslosen Regattateilnehmer und Hafenrückkehrer, mein Kapitän nicht zu sehen und hören konnte man bei all dem Getöse sowieso nichts Konkretes. Meine Gedanken haben sich irgendwo festgefahren zwischen: Ich will das nicht/ Das mache ich nie wieder/ Ich habe es doch gesagt, ich will das nicht. Zumindest war mir nicht mehr übel. Aber freuen konnte ich mich darüber gerade auch nicht.

Irgendwann tauchte Olaf wieder auf: “Und?“ Ich wusste nichts, spürte nichts, außer das das Schiff erstaunlicherweise immer noch nicht untergegangen war und alle anderen Verkehrsteilnehmer nicht mit uns kollidiert waren. Olaf übernahm das Steuerrad und brachte uns sicher in den Hafen. Ich war zum dritten Mal auf der Tour am Ende meiner Adrenalinreserven angekommen und assistierte stoisch auf Anweisung. Zum Glück tat sich vor uns ein Längsliegerplatz direkt am Kopf auf. Anfahren, anlegen, festmachen, Motor aus. Atmen. Land unter den Füßen.

 

 Pfingstsonntägliche Hafenatmosphäre bei durchbrechendem Sonnenschein tauchte den frühen Abend in ein mildes Licht. Schweigend rückten wir die umhergeflogenen „Ein“bauten wieder an ihre angestammten Plätze, setzten einen Kaffee auf und kamen an. Kopfschütteln, grinsen, Seekrankheit vorbei. Erster Austausch und Annäherung zum gerade Erlebten. Das Boot fordert uns echt was ab und schubst uns mehr als geahnt aus jeglicher Form der Komfortzone!

So saßen wir den Frieden genießend, den Kaffee mit Keks umklammernd in der Sitzecke und schauten in die Gegend. Ein kleines Mädchen rannte den Steg entlang, winkte Bekannten zu, die den Hafen mit dem Boot verließen. Und sie lief und winkte und lief und sie wird doch wohl sehen, dass vor unserem Bug der Steg zu Ende ist?!! Nein, sie sah es nicht und platschte direkt vor unseren Augen und unserem Bug vom Steg ins Wasser. Gerade wieder reaktionsfähig geworden, stürzten wir raus und schafften es mit Akrobatik vom Schiff und Steg aus sie mit vereinten Kräften wieder triefend hoch zu hiefen. Die Kommentare des heranschlurfenden Vaters kommentiere ich hier nicht weiter. Ich hatte echt genug für heute und zum Glück für den Mann keine Konfrontationsreserven.

Ankerplatz die Überführung | Lübeck – Travemünde

Und weiter geht es. Den Samstag nutzten wir an Bord für zweigeteiltes Aufräumen. Olaf vollendete im Keller den Motoreinbau mit allen damit verbundenen Tests und Abschlussarbeiten, ich versuchte aus der Motorwerkstatt im Obergeschoss, das eh noch sehr provisorisch war, wieder irgendsowas wie ein bewohnbares Provisorium herzustellen. Am Nachmittag war es soweit getan und wir waren hoffnungsfroh und mutig erneut aufzubrechen. Wie war das beim letzten Aufbruch mit dem Ziel? Bis Travemünde wäre toll. Ja, das wäre wirklich schön, wenn uns jetzt eine vorfallsfreie Fahrt bis dahin (und auch gern weiter) gelingt.

Vorsichtig, gefühlt mit Stethoskopohren an jedem vom Motor erzeugten Geräusch tasten wir uns die Trave runter Richtung Travemünde. Ein vertrautes Spaziergehrevier aus der Zeit, in der wir noch in Lübeck wohnten, zieht an uns vorbei. Frisches Maigrün strahlt mit blauem Himmel um die Wette, alles sieht so friedlich aus. Wir sind noch etwas zerrissen dem Friden zu trauen und so ist die Fahrt ein Wechselbad aus besorgter Kurzkommunikation wie “Hast du das gehört?/ Wieviel Umdrehung?/ Wieviel Motortemperatur?” und sich ausbreitendem, erleichterten Glücksgefühl wieder unterwegs zu sein und einfach zu genießen.

Wir wurden belohnt: Die Fahrt verlief reibungslos und wir kamen einfach so in Travemünde an und bekamen einen für uns schönen Liegeplatz. Eher in der Werftecke, aber wenn man den großstädtischen Industriecharme früherer Zeiten mag, ist man in vielen kommunalen Hafenecken gut untergebracht.

Das Besondere an diesem Liegeplatz ist, dass man direkt am Wendehammer der Skandinavienfähren liegt. Die großen Pötte kommen durch das kleine Travemünde entlang direkt auf einen zu und dann arbeiten die Bugstrahlruder direkt vor unserer Achterdeckaussichtsplattform. Die Schiffe drehen sich um 180 Grad und bugsieren sich dann rückwärts an die Fähranleger.
Ein tolles Spektakel das man hier wiederholt beobachten kann.

Der Fußweg nach Travemünde mit allen Shopping- und Gastromöglichkeiten ist ein guter Bewegungsausgleich nach einer Bootstour und ein schönes Ziel. Die Strände beiderseits der Trave sind ebenfalls ein tolles Angebot im nahen Umfeld. Diesen Bedarf haben wir heute nicht und so genießen wir wieder einen Tiefschlaf in der Koje.

Bis wir morgens zunächst orientierungslos aufwachen, von einem Sound, der einen nur denken läßt, dass wir inzwischen auf einem U-Boot mit ungewohnten Eigengeräuschen gelandet sind. Alles knarzt, rauscht und vibriert. Großes Fragezeichen, was ist das nun (schon wieder)? Mal lieber schnell an Deck und schon auf dem Weg dahin klärt sich die Geräuschkulisse. Vor dem strahlend blauen Himmel drecht sich erneut eine Fähre, nur hört sich das unterhalb der Wasserlinie mal ganz anders an. Also Kaffe aufgegossen, Füße auf die Reling und einfach weiter gucken was schon so auf der Trave los ist am frühen Morgen.

Pause mit Arbeit | Lübeck

Das gute daran, wenn man an der Ostsee wohnt ist, dass es im Sommer befreundete Menschen gibt, die Sonntagsmittag via A1 ans Meer fahren. So bekamen wir bestens gelaunten Besuch von Freunden und konnten unterm Sonnensegel erzählen. Dann bekamen wir einen Super-Shuttle-Service bis vor die Haustür, toll liebe Martina lieber Jörn Danke!

Montag. Mein Mann surft und telefoniert sich durch Deutschland und angrenzende Nachbarstaaten auf der Suche nach einem geeigneten Motor. Youtube-Filme, auf denen Motoren auf Paletten geschnallt, aus umstehenden Wassereimern mit allen Flüssigkeiten versorgt sind und vor sich hin rattern, rumpeln oder schnurren. Preisunterschiede nicht unerheblich. Transportdistanzen auch. Mir fällt dazu nicht viel ein. Außer, dass ist nicht mein Kompetenzfeld.
Olaf dafür um so mehr und so hat er am Abend eine Motor-Verabredung am nächsten Tag in Polen.

Dienstag: Nach 8 Stunden Fahrt hin und zurück, steht der Motor abends auch schon im Transporter vor unserer Haustür. Im schicken blau. Alle weiteren Fakten und Tipps zur Motorsuche bitte hier lang

 

Mittwoch: Einen Tag im Motorraum und den alten Motor komplett zerlegt und ausgeräumt.

Die Schadensursache ist nun genau zu lokalisieren.

Am Abend ist der Bootskeller leer.

Nun könnte doch gleich der Neue rein!

 

Donnerstag: Feiertag. Nix an benötigtem Werft-Equipement zu bewegen. Letzte Vorbereitungen an Bord und in der Campingplatz-Werkstatt eines Freundes. Vielen Dank! So einen Gabelstapler hat man ja auch nicht mal eben im Hauswirtschaftsraum stehen. Echt sehr hilfreich. Morgen also die Transplantation des Ankerherzens.

 

Freitag: Der Tag beginnt mit Warten und irgendwann gibt es von der Werft die Ansage: 16 Uhr.

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Ankerplatz die Überführung | Lübeck und Motorschaden

Lübeck – Lübeck Teerhofinsel

Normalerweise sause ich unter dem großen ‘Bad Schwartauer Schild’ an der Lübecker A1 vorbei und denke an Vieles, lasse mein Auge schweifen auf die freie Landschaft und auf den Nebenarm der Trave und seine Freizeithäfen. Im Winter alle Boote an Land fein aufgereiht und wettersicher verpackt und im Sommer majestätisch im Wasser, manchmal mit glitzernder Sonne, ein schönes Bild. Landschaft eben.

Nun aber, sitze ich in eben jenem Hafen, der Hansa Werft, auf der Teerhofinsel nahe Lübeck. Auf unserem Boot. Ich bin mal wieder durch emotionale Wellenberge und -täler gereist, so dass der abendliche Zustand wieder einmal nur als skuril bezeichnet werden kann. Am traumhaften Maiwetter mit optimalen Reisebedingungen liegt es definitiv nicht.

Der Morgen fing superexpigaligetisch an.Wir hatten die Nacht am Schrebergartenanleger eines Freundes im Lübecker Lachswehrkanal verbracht. Wir frühstückten in größerer Runde im Garten. Der Sommer 2018 nahm gerade erst Fahrt auf und alle streckten sich noch hungrig nach der Sommerwärme der Sonne entgegen, es war ja noch nicht zu ahnen was für einen nicht endenden Dauersommer wir bekommen würden.

Mein Mann schmiss für die entspannte Runde den Schwingschleifer an und frischte mal eben unsere Bodenplatten auf, klebte den noch fehlenden Schriftzug aufs Boot, schmierte die Antriebswelle und machte auch noch Sonstiges. Samstag in Deutschland, egal ob zu Hause, dem Campingplatz, dem Schrebergarten oder nun eben mit Boot. 

Gegen Mittag legten wir ab und die fünfköpfige Frühstücksrunde setzte sich ebenfalls in ein kleines 5m-Dingi. Echt super in Lübeck als Stadtmobil, mit einem Drehstuhl aus dem Frisörsalon als Steuerstand und einem einfachen Bürostuhl für den Co-Kapitän aufmontiert. Bester Stadtrundfahrtrundumblick garantiert.

 

 

 

Wir machten uns auf in Richtung Norden zur Hubbrücke. Hinter der Hüxbrücke legten wir an. Backbord gibt es die Möglichkeit bei Aldi und anderen Läden 30 m vom Anleger einzukaufen oder in die Innenstadt zu gehen und Steuerbord gibt es in 50 m Entfernung eine Tankstelle. Beste Versorgungsmöglichkeiten also.
An der Kaimauer treffen sich die Lübecker in der Sonne. Wir pausierten noch alle an Deck und genossen den ruhigen und grünen Platz mitten in der Stadt.
Unser “Begleitboot” prüfte die Durchfahrtshöhe der Hubbrücke und meldete: passt nicht. Wir telefonierten mit dem Brückenwart, legten ab und steuerten unter der für uns hochfahrenden Brücke in die Zusammenführung der Trave. Zur Linken das schöne Lübecker Stadtpanorama mit seinen Türmen und Giebeln, aus ganz neuer Perspektive. Zur Rechten: auf zur Ostsee und unserem Heimathafen und noch offen, wie weit wir heute noch fahren, Travemünde wäre toll. Vorbei am gut besuchten Kai-Restaurant, den Duft von Waffeln in der Nase und den Gedanken an Essen im Kopf.

Die Welt ist gerade mal einfach nur schön. 

Wir tuckerten dahin und ich ging kurz rein und runter in den Bug, um mir eine Jacke gegen den Wind zu holen. Kaum angekommen, wundere ich mich wieso der Motor so ruckelt, drehe mich um, der Motor ging aus und ich stand von jetzt auf gleich in einem dicht verqualmten Boot. Es qualmte schwarzgrau aus der leeren Displaybuchse im Armaturenbrett und genauso seitlich, an der Elektrikklappe. Schnell alles abgestellt was noch nicht aus war. Der Salon war verräuchert und wir konnten gerade noch mit dem letzten Schwung bis zur Kaimauer gelangen.

 Nachdem wir nun schon achtmal geschleust und jedesmal an anderen Festmachern angelegt hatten, konnten wir am einzigen Poller in Sicht gut anlegen. Hier machten sonst größere Schiffe zum Laden fest und die eigentlichen Poller standen entfernt und schienen mir für uns überdimensioniert. Ich hatte vorher durchaus schon mal unsere unhandlichen 2 x 20 m Taue verwünscht, in Kürzere. Wat’n Tüdelkram die langen Dinger manchmal waren. Jetzt waren sie super!
Ach ja, der Motor.

 Hier sind die Aufgaben klar verteilt und das ist auch gut so. Ich habe meine minimalistisch Motorkenntnisse aus den 80ern und in der Zeit hatte mein Kapitän schon eine Autowerkstatt und ist daher mit unserem Mercedes OM 167 (5 Zylinder, 3l Hubraum) quasi per du.
Bodenklappen hoch, Qualmwolken raus. Es kam ein im unteren Bereich ölversprotzelter Motorraum zum Vorschein. (Gedanke von irgendwoher: .. gerade alles durchgewischt und nun so was..). In der Bilch stand das Öl, schätzungsweise fünf Liter, zum Glück durch die Schotten begrenzt. Ich assistierte beim Auslöffeln der Suppe. Da saß nun mein persönlicher Cola-Man 1,20 m unter mir und schufftete im schwarzen Gold. Zum Glück ausreichend bestückt mit kräftigen Müllsäcken, ließ sich die Sauerei gut zwischenstauen.

Für alle, die sich jetzt für Motordetails interessieren bitte hier lang…

Natürlich war es Samstagabend, 17.30 Uhr. Wann sonst, o.k., vielleicht noch Sonn- oder Feiertag. Trotzdem tat sich eine spontane Hilfskette auf. Unsere Begleitbootfreunde saßen inzwischen beim Grillen im Schrebergarten. Mit dem inzwischen ausgebauten Öldruckschalter in der Hand, wurde Olaf mit Shuttleservice abgeholt und in den Schrebergarten gefahren. Dort direkt zum Nachbarn A., der schon mit Schweißgerät parat stand und seines Zeichens eine tiefere Verbindung zu Motoren und ihrem Schraubbedarf hat.

Von der Grillrunde noch 2 schön gewürzt und fertig gegrillte Steaks zum Mitnehmen bekommen. Läuft!
Vielen Dank an all die Hilfe und Unterstützung die man auf so einer Tour erfahren kann, und hier auch ganz im Speziellen.

Es war zu Beginn gut diagnostiziert. Die kleinen Hoffnungsschimmer, dass es eventuell doch kein Totalschaden sein könnte, wurden alle ausgelotet, scheiterten aber allesamt. Der Motor war ein Totalschaden.

Ich war auf dem Boot geblieben während der Garten-Reparatur-Tour und hütete die Leinen. Ich rief einen Freund an. Ein junger Mann aus Syrien, den wir hier in Deutschland begleiten und der um die Ecke wohnt, da er eine Ausbildung in Lübeck macht. So bekam ich entspannten Besuch an Bord, trank Kaffee und war trotz allem guter Dinge. Ist halt blöd und und und, aber hilft ja nix. Isso wies is.

Die Lage war deutlich: Der Motor bringt uns heute nirgendwo mehr hin. Aber wir haben noch einen 9 PS Außenbordmotor. Mir hat beim Kauf schon eingeleuchtet, dass das eine gute Sicherheit ist, aber dass der nun schon so schnell unsere Rettung werden sollte… hatte ich nicht erwartet. Wir sprachen unterwegs darüber ihn bald auszuprobieren, um dann im Notfall zu wissen, was wir davon erwarten können.

Unser Boot wiegt runde 11 to und das nun mit 9 PS. Schaun mer mal.

Inzwischen halb acht am noch sonnigen Abend, der Motor surrte los und das Boot kam gaaanz langsam in Bewegung. Fahrt wäre eine noch etwas übertriebene Beschreibung, aber bestens geeignet zum Ablegen mit kaum Steuerung. Das Boot fuhr konstant 5 kmh.

Lübeck und der stundenlange Waffelduft, der keiner war, verschwanden. Wir hatten direkt vor der Müslifabrik angelegt und das roch zumindest lecker und nicht nach Motoröl. Zum Glück gab es keinen weiteren Verkehr, denn unsere Manövrierfähigkeit war gefühlt nicht vorhanden oder fand irgendwo weit hinter uns statt.. Wir telefonierten mit den nächsten Bootshäfen und Werften an der Teerhofinsel. Die Hansa Werft nahm uns auf, aber freie Plätze sind rar. Und was soll man antworten auf die Frage: Für wie lange? Hey, ich würde gern sagen: Nur für eine Nacht! Aber der Hoffnungsschimmer ist eigentlich schon gesunken.

Wir steuern bzw. driften gemächlich backbord in den zweiten Travearm. Natürlich kommt uns in diesem Manöver das einzige Boot entgegen, als wir abbiegen wollen. Nun langsam an allen kostspieligen Booten vorbei, um die gefühlt nicht endende Biegung.

Landmarke ist „.. am gelben Kran links vorbei und dann an die Spundwand mit zwei gelben Pollern“. Wir gleiten friedlichst an allem vorbei und sehen schon das Endes des Hafenbeckens auftauchen. Sackgasse. Zur Linken der gesamte Motorbootclub versammelt, in bester Laune am Bierwagen: heute war anschippern. (Haben wir unterwegs schon gelernt: die erste gemeinsame Club-Ausfahrt. Spätestens ab Ende gut begossen.) Freundliches Armewinken und der Ruf :“ Ihr müsst umdrehen und weiter vorne hin .. hier ist kein Platz .. “(im versetzten Kanon).

Die Hafenmauer frontal näher kommend im Blick rief ich nur zurück: “Wir haben Mororschaden, wir sind manövrierunfähig!!“ Nun kam Bewegung in die Gruppe. Endlich, ich bekam ein Gefühl von Land in Sicht, obwohl es nur knappe 10 m entfernt war. Rückwärtsgang rein und langsamst aber zielgerichtet 50 m zurück und rein in die freie Gastbox. Die Helfer nahmen rechts und links die Seile an und so zogen wir uns an die Kaimauer, mit komfortablem Treppchen vor der Bugspitze. Geschafft. Ankommen und Erlebnisgespräche. Erste Info zur Werft und Treseneinladung, kommt mal erst mal was trinken auf den Schreck, das kennen wir ja auch … Die Gruppe von etwa 15 löste sich langsam auf, noch Austausch über andere Motorschadengeschichten und Ruhe.

Essen, das gute fertige Nackenstaek auf Vollkornbrot. Pur und so lecker nach einem erneuten Tag mit unerwartet viel Erlebnissen und dafür wenig Essen.

Bierwagen zur fortgeschrittenen Stunde ist nicht meins. Im Lokal tönte leise deutsche Partymucke und man saß in Gesprächen. Draußen am Bierwagen dröhnte die Bluetooth-Röhre mit Party-Techno. Die Umstehenden hielten bei den Dezibel locker mit und nach kurzen Small-Talks „.. Segler oder Motor … u.ä. …, gingen wir zurück an Bord. Reicht für heute an Unterhaltung.

Es kehrte Ruhe ein. Das zweite Mal saßen wir beide am Rechner und pflegten unsere digitalen Projekte. So soll es sein, das nächste Mal gern ohne Motorbremse.

Erkenntnis des heutigen Tages:

  • Schau nicht, wohin du willst, sondern wo du ankommst.
  • Es sitzt sich im Hafen mit und ohne Motor gleich.
  • Wir wollten ja offen bleiben wo wir heute landen.

Ankerplatz die Überführung | Mölln – Lübeck

Mölln – Lübeck

Unser Ziel für heute war der Schrebergarten eines Freundes nahe der Lübecker Altstadt. Im Lübecker Lachswehrkanal, das hört sich groß an, ist es aber nicht. Mit umgelegtem Geräteträger kamen wir bei dem Wasserstand noch unter der alten Fußgängerbrücke an der Einmündung in den Kanal durch und dann in einer fortlaufenden Biegung um die Schrebergärten herum, alle mit individuellen Wassergrundstücken. Ein echter Traum so unweit der Lübecker Innenstadt. Wir legten an dem 2m x 2m großen Anleger mit unseren 12m an und rundeten die Kulisse ab. Auf dem gegenüberliegenden nahem Ufer erhob sich die Böschung des Dräger-Geländes, das landschaftlich mit zahlreichen und unterschiedlichsten großen Bäumen gestaltet wurde. So hatten wir Backbord einen Ausblick in einen herlich grünen Wald. Die Sonne ging unter, der Tag war gelungen und als unser Freund später von der Arbeit nach Hause kam, stand gefühlt das Boot in seinem Garten.

Eine einfache Nudel gegessen, unsere ersten ‘Erlebnisse zur See’ ausgetauscht, ging es in die Koje. Es folgte wieder ein komatöser Schlaf, nach all den neuen Eindrücken, den vielen Bildern der Fahrt, den gemeisterten Aufregungen beim Schleusen und Anlegen und den vielen kurzen Begegnungen mit bisher immer offenen und freundlichen Menschen.

Ankerplatz die Überführung | Uetersen – HH

  • Uetersen | – | Hamburg 10% 10%

Uetersen hat einen gezeitenabhängigen Binnenhafen. Ungefähr alle 12 1/2 Stunden fällt das Boot tiefer und liegt trocken oder genauer: im Hafenschlick. Da heißt es die Ausfahrt gut zu planen und den zur Verfügung stehenden Slot dann auch zu nutzen.

  • Uetersen | – | Hamburg 15% 15%

Die Pinnau ist ein Marschgewässer und entspringt nördlich von Hamburg in Henstedt-Ulzburg und mündet nach 41 km westlich von Hamburg in die Elbe. Ganz schön schmal, zumindest wenn man das erste Mal sein Boot fährt…

Wir haben kurz vor Höchstwasserstand [gezeitenabhängig] abgelegt und waren ca. 2 Std. später auf der Elbe. Dafür scharf links – äh Backbord –  abgebogen und dann zu Berg Richtung Hamburg.

  • Uetersen | – | Hamburg 20% 20%

Pinnau Elbmündung  | Bei Haselau in die Pagensander NebenelbeKoordinaten: 53° 40′ 39″ N, 9° 32′ 26″ O | OSM
53° 40′ 39″ N, 9° 32′ 26″ O

Das Foto entstand zwischen Wedel und Blankenese, das Einmünden auf die Elbe war zu aufregend um zu fotografieren.

  • Uetersen | – | Hamburg 25% 25%

Elbe stromaufwärts und bald auch noch gegen ablaufendes Wasser. Mit 1600 UPM bei ca. 6 kn. Die Kümos sind schneller. Ok, ist unsere erste Fahrt, von daher erst mal schön smooth [der Vorbesitzer begleitet uns noch bis Wedel, er musste mich schon mehrfach “runter tunen” :o)]. Ich dachte unser Boot wäre schneller.

  • Uetersen | – | Hamburg 30% 30%

Kurz vor Wedel der HAMBURGER YACHTHAFEN  | da haben wir den Vorbesitzer von Bord gelassen. Danke Dieter, super Typ!

Im Foto taucht am Horizont schon die Hamburger Skyline auf und kommt gaaanz langsam näher. Gegen das ablaufende Wasser dauert. Das Wetter ist entgegen der Ansage ein Traum und wir genießen mehr und mehr die uns völlig neu erscheinende Elbe, die uns an diesen Stellen eigentlich absolut vertraut war, bis heute.

  • Uetersen | – | Hamburg 35% 35%

Der Blick auf das Treppenviertel von Blankenese und den Süllberg im Sonnenschein wie immer ein Traumpanorama.

Weiter zum City Sportboothafen Hamburg  , der Kurs ist klar, aber es wird noch dauern bis wir anlegen, schätzungsweise 3 Std.

  • Uetersen | – | Hamburg 40% 40%

Heute mal mit Blick auf den Oevelgönner Elbstrand und Museumshafen und das Augustinum , ein Seniorenstift im ehemaligen Hamburger Kühlhaus, statt von dort auf die Elbe.

Die Villen der Elbchaussee blitzen weiter durch die Bäume und die Bebauung und das Hafengebiet beiderseits werden zunehmend dichter auf dem Weg nach Altona. Unser Kurs bleibt der City Sportboothafen Hamburg  der Kurs ist klar, aber immer noch wird es dauern bis wir anlegen, schätzungsweise 2,5 Std.

  • Uetersen | – | Hamburg 55% 55%

Es ist schwer in Worten zu beschreiben, wie sich etwas anfühlt, dass einem seit Kindesbeinen so vetraut ist und nun auf einmal so bombastisch neu erscheint. Zu vielen Gebäuden hat man Erinnerungen, könnte quasi das Mikro rausholen und die kleine Hafenrundfahrt losschnoddern, aber heute ist alles anders. Unser Boot wirkt neben den Docks auf einmal sehr klein und die herankommenden Containerriesen dafür um so größer.
In eigener Verantwortung mit wenig Erfahrung (hört sich  zumindest nach etwas an) auf der auf einmal viel breiteren Elbe lang zu schippern ist eine klare Primär-Erfahrung und die sind ja immer intensiv.

Ein Blick auf die alte Fischauktionshalle hat da schon fast einen beruhigenden Effekt. Alles ist gut. Nein, super! Aber sooo aufregend.

  • Uetersen | – | Hamburg 60% 60%

Die Wahrzeichen der Stadt verdichten sich, Michel voraus.

Zum Glück ist Sonntag und der Hafenverkehr ziemlich ruhig am frühen Abend. Die Hafenfähren sind mit flottem Tempo in Sicht, aber noch müssen wir ihre Route nicht kreuzen.

Unser Ziel, der City Sportboothafen Hamburg , kommt fast schon in Sicht, aber es wird immer noch dauern bis wir anlegen, schätzungsweise 1,5 Std.

  • Uetersen | – | Hamburg 70% 70%

So haben wir uns das vorgestellt. Einfach mal lang machen und den abendlichen Blick genießen. Wir wollen quasi an den Fuß der Elphi, die ist als Landmarke nicht mehr zu übersehen und inzwischen haben wir uns etwas an die entschleunigte Fortbewegung gewöhnt, noch 1 Std.

  • Uetersen | – | Hamburg 80% 80%

Nur noch ca. 1/2 Std. …

Der City Sportboothafen Hamburg liegt auf der rechten Seite der Elbe, wir müssen die Seite wechseln. Alles frei von achtern, eigentlich ja, wären wir nur nicht so langsam und die Hafenfähren so schnell.

  • Uetersen | – | Hamburg 95% 95%

Sonnenuntergang startet, und schon sind wir fast da.

Erstes echtes Anlegen steht bevor, Fender klar | Leinen klar | Aufregung steigt.

Der für das Sicherheitsgefühl auf der ersten Tour “echte Captain”, unser Bruder/Schwager läßt beiläufig verlauten: “Das Schwierigste kommt jetzt, da der Sportboothafen eine Besonderheit hat, er liegt im Strom”.
D.h. anlegen mit Strömung, Tide, Wind und ohne Bugstrahlruder, dafür mit frischer Lernkurve zum grundsätzlichen Verhalten unseres Bootes.

  • Uetersen | – | Hamburg 100% 100%

Kurzversion: wir haben festgemacht. Bester Liegeplatz [kein Hafenmeister mehr da, mal sehen wie das mit dem Bezahlen funktioniert].

Vielen Dank an Captain Hauke. Er hat uns bis hierher begleitet und noch einige gute Tipps gehabt.

Empfang von Hamburger Freunden am Steg und leckerer Abschluss im fußläufigen Portugisenviertel in geselliger Runde.

  • Uetersen | – | Hamburg 100% 100%

Langversion: Mein Mitfahrer-Adrenalin wurde restlos aufgebraucht und mein Vertrauen in meinen persönlichen Kapitän für alles Kommende verstärkt!

Die beim Sundowner auf ihren Booten sitzenden Zuschauer hatten ein kleines Schauspiel, teils nur Armlängen von ihrer Bootswand entfernt. Nach einer Pirouette und einer erneuten Anfahrt lagen wir auch schon längsseits. Heute ist mir klar, das Anlegen kann immer mal seine Tücken haben und das Wesentliche dabei ist: noch langsamer zu sein als eh schon angepeilt.

Ich war fertig mit dem Tag und sehnte mich insgeheim nach einem U-Bahn-Ticket für die U3, die zwischen uns und dem Michel fuhr und wäre alternativ auch einfach zu Fuß über Land nach Hause gegangen. Aber das kam mangels Adrenalin irgendwie nicht mehr deutlich aus mir raus.

PS: Boah, waren unsere Taue da noch blütenweiß.

Wir gehen an Bord

Samstagmorgen, heute fahren wir zum Boot und morgen geht es los! Nun ja, zunächst fährt Olaf zu 9 Uhr erst mal nach Lübeck zum Schifffahrtsamt, um seinen Sportbootführerschein Binnen zu machen. See hat er schon seit einigen Jahren, aber das hilft zwischen Hamburg und Travemünde nicht so viel.

Sportliches Timing, aber es gab keinen anderen Termin vorher. Was allerdings in der Konsequenz bedeutet, dass es in den nächsten Wochen auch nicht mal eben einen freien Prüfungstermin gibt. Die Planung basiert auf einem positiven Ergebnis und um 10 Uhr stand mein erweiterter Kapitän wieder zu Hause vor mir.

Um 11 Uhr starteten wir im bepackten Auto von Freunden, die uns zum Schiff fuhren. Das Motorbootfahren auch die Logistik an Land fordert lernten wir schnell.

 

So kamen wir bei Sonnenschein im tideabhängigen Hafen an und das Boot schwamm auf der Wassertiefe, mit der wir 24 Stunden später ablegen wollten. Wir richteten uns ein, fütterten das Boot mit Trinkwasser und Diesel, kontrollierten dies und probierten jenes. Stießen uns die Köpfe an den noch nicht verinnerlichten Abmaßungen des Bootes und waren zufrieden. Wir waren schon mal an Bord, hatten kein Auto mehr zum Wegfahren, jetzt gibt es nur noch das Boot und uns.

Als ich vorm zu Bettgehen noch mal zur Toilette am Hafen wollte, lag das Boot im Schlick und die verschlickte, freihängende Leiter war 1 m neben dem Boot über einen Balancierschritt auf der Reeling bestens zu erreichen. Nur noch 3 m aus dem Hafenbecken nach oben geklettert und dort über einen 2 m Kellerrost an Land gehüpft. Das Ganze mit Gleitsichtbrille, wodurch die Entfernungen in so unbekannten Sichthöhen und -tiefen hin und her springen.
Alter Falter??? Was mache ich hier, warum tue ich mir das an, hier im Dunkeln. Sofaaaa, wo bist du?

Ab in den WC-Container und dort schon überlegend wie ich bloß wieder sicher an Bord komme. Und Memo an selbst: DAS ist kein Zustand, wenn man nachts aufs Klo muss. Aber, was habe ich für einen tollen Partner in allen Fällen. Ich wurde oben an der Leiter empfangen und geleitet. Als wenn es sich zu zweit besser abstürzt. Aber es fühlt sich auf jeden Fall viel besser an und dann ging es das erste Mal in unsere geräumige Koje, die schon etwas wohnlich aussieht.

 

Vorbereitungen

Erste Kontaktaufnahmen Winterende – Jetzt gehts los! Zumindest mit der ersten Kontaktaufnahme vor Ort auf unserem Boot. Das erste Mal bei Sonnenschein und Plusgraden an Bord und unsere theoretischen Ideen vor Ort auf praktische Passung sichten. Auf dem heimischen Sofa häuften sich die Gesprächsenden in der Form, dass wir abwarten müssen, um dann gemeinsam und mit Messgerät vor Ort zu planen. Und nun saßen wir das erste Mal in unserem Boot, nach wie vor mit traumhaftem Blick vom Trailer in die noch winterliche Marschlandschaft. Was bleibt, was muss raus, was muss anders, was muss neu? Mit diesen simplen Leitfragen inspizierten wir das Boot und durch das lange Warten auf dem Sofa waren wir kreativ gut vorbereitet. Für den eigenen Stallmief natürlich erst mal neue Polster, Stoffe und Vorhänge. Also mal leicht angefangen und die Fenster vermessen. Hört sich flott gemacht an, aber bei einem Schiff Marke Eigenbau hat jedes Fenster gern ein individuelles Maß und am Ende kamen wir auf 23 Fenster. (Einen Landfreund brachte das zu der ernsten Frage, ob das Boot bei so vielen Fenstern denn überhaupt stabil sei ?) So gibt es also bald eine Nähmaschine und es wird maßgeschneidert, dabei komme ich dem Boot schnitt- und stichweise näher. Nach einigen Überlegungen zur Befestigung und dem wichtigen Wunsch, dass die Vorhänge nicht mitschaukeln bei jeder Bewegung, kamen wir auf die super Idee das Stahlschiff einfachst zu nutzen und die Vorhänge alle als variabel verschiebbare Raff-Varianten an jedem Fenster mit Magneten anzubringen. Die Magneten werden an allen Ecken direkt eingenäht und an gewünschten Raffpositionen noch extra dazu. So kann der Sicht- oder Sonnenschutz ideal den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Einnähbare Magnete haben wir bei www.supermagnete.de gekauft. Inzwischen haben wir die Vorhänge auch schon mit den Magneten gewaschen und sind nach wie vor sehr zufrieden und empfehlen diese Lösung gern weiter.

Besichtigt, gekauft und nun also ausstatten. Zumindest mal rudimentär für die erste Überführung von Uetersen nach Großenbrode. 220 km sagt das Seenavi. Ich sitze mal wieder im Allgäu, es ist Anfang April und als Norddeutsche dachte ich, ich erlebe einen Hauch von Winter. Schließlich bin ich in die Berge gefahren. Stattdessen gehören Flipflops und kurze Hosen zur passenden Wetterkleidung. Währenddessen ist zu Hause die Schneeschaufel fleißig im Einsatz.
Diesmal durchstöbere ich das Netz, auf der Suche nach Bootsausstattungen. Weniger auf den Yachtportalen, sondern viel mehr auf Pinterest und Co. Erstausstattung Bordküche, Ideen für Stoffe und generell die Frage welchen Sichtschutz und Sonnenschutz brauchen die zahlreichen Fenster. Chemieklo versus Trockentoilette. Tolle Blogs zu speziellen Ausstattungen. Nachhaltigkeit: Windrad, Photovoltaik und eben Trockenklo statt Chemiemüll. Neue Welten tun sich auf und alte treffe ich wieder. Zu Studentenzeiten bin ich monatelang mit einem selbst ausgebautem Hanomag durchs südlich Europa und die Türkei gefahren. Irgendwie ein bisschen wie ‘back to the roots’ (da sind sie schon wieder die Wurzeln…auf See?).
Unser Haushalt ist einfach bestückt. Das soll heißen, drei Kinder haben in den letzten 10 Jahren ihren Hausstand gegründet und da wird man jeden überflüssigen Topf und Teller los. Trotzdem flöhen wir noch mal alles durch und es ist unglaublich was für praktische Dinge wir zu Tage befördern. Magnetische LED-Wandlampen, Stirnlampen, getwistete Campingwäscheleinen, Klopapierhalter, Türgriffe, Haken, Espressokanne für den Gasherd, etc.
Olaf wirbelt währenddessen an Bord. Endlich. Ich bekomme Fotos von neuen Einbauten. Elektrowandler und Lademanagementstationen finden ihren Platz. Regale die wir zu zweit nicht brauchen fliegen raus und ein toller neuer Sitz- und Arbeitsplatz mit Stauraum entsteht.
Zu Hause angekommen gleichen wir den Stand der to-do’s ab und legen eine Wunderlist an. Praktische App um gemeinsam Listen zu führen, wenn man unterwegs ist. Hat einer etwas erledigt, hakt er es digital ab und der andere sieht sofort den aktuellen Stand der Dinge die immer noch zu tun sind. Auch sehr praktisch für die Lebensmittelliste oder Bekleidung (welche Jacke und Pullover war noch mal an Bord..?), so muss man nicht jedesmal wenn man los fährt von vorne überlegen was man braucht. An Bord kann Fehlendes direkt hinzugefügt oder wieder aktiviert werden. Alles für jeden an einer Stelle und ohne Einkaufszettel an Bord zu vergessen.
Die häusliche Sammelecke für alles was mit soll wächst und die leicht aufgeregte Vorfreude auch. Beim Einschlafen bedrohlicher und weggeatmet, am Tag freudig. In wenigen Tagen geht es los, uiuiui.

Das Boot, der Winter und ein Name

Wir haben jetzt also einen Stahlverdränger, was ganz was Feines, Marke Eigenbau.
Gekauft an einem frostigen Tag ruhte das Boot auf einem Trailerungetüm in der norddeutschen Marsch und ich fand das alles sehr abstrakt und wusste doch, realer wird es nicht. Nachdem das Boot über eine wackelige Leiter erklommen war, eröffnete sich ein Raumwunder und ich versuchte außerhalb meiner Komfortzone meine ersten zarten Visionen zu entwickeln, wie wir hier an Bord leben könnten. Der Außenbereich, oder nennen wir es mal seefraulich Deck, machte es mir leicht. Es gibt vier großzügige Ebenen und ich dachte sofort: Klasse, hier können ja gleich mehrere Menschen zusammen ihre Yogamatten ausrollen und ganz andere Dinge machen, als sich mit Schiffsmotor und Navigation zu beschäftigen. Dieses Kapitel findet in der Vision meines Mannes sicher nicht statt, zumindest nicht seine Teilnahme daran, sondern nur die Vorstellung, dass das toll für meine Wünsche ist. Nun ja, ich bin ehrlich: auch wenn er sich bisher erfolgreich gegen gemeinsames Yoga sträubt, bin ich absolut durchlässig für jedes ‘Nein’ seinerseits und denke mir, wenn ich nun bereitwillig mit in See steche, wirst du mit mir den morgendlichen Sonnengruß an Deck praktizieren. Beziehungskompromisse sind auch nach 20 gemeinsamen Jahren immer wieder neu zu finden!?

Nachdem wir nun das mehr als widersprüchliche Startkapitel abgeschlossen haben, begann der Winter. Unser Boot ruht weiter auf dem Trailer, ich auf dem Sofa und Olaf schwelgte in den sozialen Netzen der Binnenschiffer und belebte unsere Gespräche mit vielfältigen immer motivierenden Geschichten, um die Vorfreude auf unsere erste Bootssaison zu steigern.

Nun mag der ein oder andere denken: “Hey, es gibt wirklich Schlimmeres, als seine verfügbare Zeit mit seinem geliebten Menschen auf dem Boot zu verbringen!! Die Weite und Ruhe auf dem Meer und an der Küste zu genießen”. Ja, den Gedanken kann ich nachvollziehen, insbesondere, wenn es einen in seiner Freizeit ans Meer zieht. Aber: diesem Sehnsuchtswunsch sind wir vor fast 5 Jahren sehr spontan gefolgt, als wir für unser Umfeld sehr überraschend unsere schöne Wohnung in Hamburg St. Pauli aufgaben und an die Ostsee/ kurz vor Fehmarn aufs Dorf, gezogen sind. Die Kinder waren alle aus dem Haus und wir dachten uns: drehen wir das Leben doch mal um und wohnen da, wo wir uns immer hin wünschen, wenn wir frei haben. Und nun leben wir 200 m vom Strand entfernt und der Weg zum Bäcker etc. führt am Strand entlang. Das kann ich nur empfehlen. Das Leben fühlt sich gut an so! Ich bin gern AM Meer und nicht ‘in’ oder ‘auf’ dem Meer.

In den langen Winterwochen sinnierten und philosophierten wir über die Gestaltung unseres Lebens mit Boot. Wie gesagt, wir brauchen keinen Camper und keinen Schrebergarten – und als solches habe ich Motorboote bisher eingruppiert. Also was machen wir daraus?

Die Namensfrage. Wie nennt man sein Boot? Der Vorbesitzer taufte das Boot auf seinen Spitznamen “Scholle”, so dass eine Neubenennung nahe liegt. Außerdem esse ich nix mit Augen oder Schale aus dem Meer und Scholle erinnert mich an panierte Grätenhaufen in touristischen Fischbratküchen. Also, ein neuer Name muss her.

Schaut man sich um, finden sich zahlreiche Palomas, Annegrets und Reginas auf dem Wasser. Irgendwie nicht unsere Welt. Das Boot als stolze Junggrosseltern nach der ersten Enkelin zu benennen fanden wir auch nicht passend.
Also überlegten wir was das Boot für uns ist, was es erfüllen soll und was unsere Schnittmenge der Ideen ist. Mit unserem Umzug an die Ostsee arbeiten wir daran unsere bezahlte Arbeit immer flexibler und dezentraler zu organisieren. Dies erweitert sich nun um den mobilen Standort Boot. Wir sind der Fixpunkt unserer Arbeit und nicht die Arbeit legt ausschließlich fest, wann wir wo zu arbeiten haben. Die Mobilität des Bootes und die digitalen Freiheiten fingen an sich zu verweben und neue Ideen entstehen. Und auf einmal war es klar: unser Boot ist unser ANKERPLATZ.

Egal wo wir sind, wir haben unseren Lebensmittelpunkt dabei. Unterwegs sein und trotzdem präsent sein. Offen für Neues und Beständigkeit nutzen. Beweglich sein und trotzdem verwurzelt.

Wie sich das mit dem Verwurzeln auf dem Wasser verwirklichen lässt, mal abwarten. Im Augenblick fallen mir dazu nur im Wasser schwimmende Baumreste ein. Also doch besser verankert.